Leise Ahnungen und lärmende Gewissheiten

Die Ausstellung „Leise Ahnungen“ von Jan Beumelburg in der Galerie Schindler 

Eine Auswahl der skurrilen Bildwelten Jan Beumelburgs ist vom 12. Mai bis zum 19. Juni in der Galerie Schindler gegenüber der Wilhelmgalerie in der Charlottenstraße zu besichtigen. Die Arbeiten des seit 1994 in Brandenburg an der Havel lebenden Künstlers sind gleich in mehrfacher Hinsicht Herausforderung und Gewinn. Sie entführen uns aus der Tristesse eines coronabedingt immer mehr vergrauenden Alltags in eine wunderbar verrätselte Welt, gebaut aus purer Phantasie. In diesen fiktiven Räumen und Landschaften agieren jede Menge geheimnisvoller Gestalten, oft wie zwanghaft. Sie scheinen einem inneren Antrieb zu gehorchen oder aber folgen stoisch einer mysteriösen Gruppendynamik. Seine Protagonisten knien, sitzen, springen, gehen, taumeln, torkeln, zerren, stehen auch gerne mal Kopf, tanzen Reigen und dies alles geschieht, ohne dass sie auch nur die geringste Rücksicht auf uns, die angestrengt vor der Leinwand grübelnden Bildbetrachter, nehmen. 

Entbindet man sich selbst aber von der Pflicht, die Sinnhaftigkeit des Geschehens auf der Leinwand zu ergründen, dann wird die Betrachtung zum voyeuristischen Genuss dieser aus unzähligen Details zusammengefügten Szenarien. Spätestens wenn wir uns beim Anblick seines mit divergierenden Perspektiven, Farben und Formen spielenden Ölbilds „und Rilke geht baden“ nicht mehr fragen, ob der Herr in der Badehose, der ins Wasser steigt, wirklich Rilke ist, haben wir es geschafft. Dann ist die Raubkatze im Vordergrund eben nicht der bemitleidenswerte Panther aus Rilkes berühmten Gedicht und die Dame auch nicht des Dichters Gattin Clara. Beumelburgs Ironie ist endlich angekommen und aus den diversen leisen Ahnungen sind lärmende Gewissheiten geworden.

Auf einem der Bilder hetzen fünf Herren wettkampfmäßig nebeneinanderlaufend mit sportlich angewinkelten Armen in leicht grünlich schimmernden hellen Overalls in breiter Front aus dem nahen Waldrand heraus. Der Künstler nennt es „zwischen_landung“. 

Sein Gemälde „Theorie&Praxis“ dominiert eine einsame Gestalt, die wie in Erwartung einer hohen Auszeichnung im Vintage-Anzug auf einer nächtlichen Betonstraße steht. An Stelle des Bundesverdienstkreuz anheftenden Präsidenten aber schwebt vor dem Mann eine Art „Atomium“ wie jenes für die Weltausstellung in Brüssel geschaffene begehbare Werk. 

Eine ganz andere Überraschung liefert Beumelburg quasi als Ergänzung seiner Tafelbilder. Er übermalte kleinformatige Monotypien (Einmaldrucke) mit übereinander liegenden völlig konträren Motiven. Das Ergebnis sind erstaunlicherweise Harmonien, die im Gedächtnis haften bleiben. Über die kraftvollen Linien der Monotypien setzt sich jetzt der Realismus seiner Malerei und wirkt wie ein beruhigender träumerischer Zauber auf dem gedruckten Liniengeflecht. Das Ergebnis sind Blätter von hoher Ästhetik und Einprägsamkeit. Eines dieser Blätter nennt Beumelburg augenzwinkernd „Hybris“ und lässt offen ob und wer von den vier Krähen an Selbstüberschätzung leidet. Bei den beiden sich wie eingefroren gegenüberstehenden Ringern ist die Titeldeutung klarer, vorausgesetzt man kann den völlig veralteten Begriff „in suspenso“ noch mit in der Schwebe übersetzen. Ein Spaziergang durch diesen vor Leichtigkeit und Hintersinn schier berstenden Bildergarten sei jedem deshalb dringend angeraten. Häufiges Lächeln und lärmende Frühlingsgewissheit sind garantiert.

Text von Lothar Krone

THE POST MORTEM FELTED CLUB


„Das Eine bin ich, das Andere sind meine Schriften. – Hier werde, be- vor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder Nicht-Verstanden-Werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist durch- aus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren. – Irgend wann wird man Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben und lehren verstehe


... Aber es wäre ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht nur begreiflich, es scheint mir selbst das Rechte.“1


Friedrich Nietzsche schrieb die Zeilen in seinem letzten großen Spätwerk „Ecco homo“ 1888/89, wenige Monate vor seinem Zu- sammenbruch. Heute ist die Schrift elementarer Bestandteil seiner Philosophie und der Kritischen Ge- samtausgabe. Nietzsche nahm den Gedanken, als Philosoph in seiner Zeit noch nicht erkannt worden zu sein – „posthum geboren zu wer- den“ – für die Künstlergenerationen der Moderne, vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart vorweg. Es sind Künstler*innen wie Vincent van Gogh, Frida Kahlo, Eva Hesse, Jean-Michel Basquiat, Diane Arbus oder Francesca Woodman, die neue Gedanken dachten, neue Formen des Ausdrucks wählten und die ästhetischen Werte ihrer Zeit vollkommen neuartig definierten. Ungeachtet von Erfolg, Anerken- nung und Ruhm beschritten sie mit größter Konsequenz und Kompro- misslosigkeit neue Wege in der bildenden Kunst – als Wegbereiter für spätere Generationen. Nicht wenige von ihnen scheiterten an der gesellschaftlichen Missachtung, sie erlitten tödliche Krankheiten oder verübten Suizid.


Das Projekt von Menno Veldhuis und Simone Westphal führt vor Augen, wie groß die Zahl der früh verstor- benen Künstler*innen ist, für die der Tod vor dem 50. Lebensjahr ein ab- ruptes Ende ihres intensiven Schaf- fensprozesses bedeutete. Sie sind häufig Jahre oder Jahrzehnte späterwieder entdeckt worden, als Künstler posthum geboren worden, wie es Friedrich Nietzsche formulierte oder Arthur Segal 1921 in seinem gesell- schaftskritischen Gemälde „Künstlers Erdenwallen“ visualisierte.2 So erhielt Vincent van Gogh 1901 und 1905 in Paris, Berlin und Amsterdam große Gedächtnisausstellungen, Diane Ar- bus wurde 1972, ein Jahr nach ihrem Tod, als erste amerikanische Foto- grafin auf der Biennale in Venedig ausgestellt und im selben Jahr vom Museum of Modern Art in New York mit einer Retrospektive geehrt.


Das Projekt ist inhaltlich mit dem persönlichen Schicksal des Künstlers Menno Veldhuis verbunden, der 2015 im Alter von 40 Jahren einen Schlaganfall erlitten hat. Nur knapp dem Tod entgangen, veränderte sich die Sicht auf sein Leben und seine künstlerische Arbeit radikal; seine heutigen Projektideen sind durch


die Suche nach einer neuen Identi- tät gekennzeichnet. Auf diese Suche begibt er sich gemeinsam mit den von ihm und seiner Kollegin Simone Westphal pars pro toto ausgewähl- ten Künstler*innen, die in Form von Filzpuppen wieder auferstehen. Den schöpferischen Akt, die Materialisie- rung, übernimmt Simone Westphal, die die 17 ausgewählten Künstler*in- nen, zu denen auch Jackson Pollock, Nicolas de Staël und Keith Haringzählen, als Puppen aus Wolle filzt. In einem langwierigen künstlerischen Arbeitsprozess sticht sie mit einer Nadel in ritualisierter Weise immer wieder in die rohe Wolle und reinkar- niert die verschiedenen Künstlerper- sönlichkeiten zum themengebenden „Post mortem felted club“.


In der Kunstgeschichte hat die Puppe seit Beginn des 20. Jahrhun- derts einen festen Platz. Von Oskar Kokoschka über Giorgio de Chirico, über die Dadaisten und die Surrealis- ten bis hin zu Hans Bellmer und Loui- se Bourgeois entwickelte die Puppe ein breites motivisches Spektrum

in der Kunst. Menno Veldhuis und Simone Westphal spüren der künst- lerischen Existenz nach und widmen sich der Frage: „Was bleibt“? Mit dem visuellen Porträt der jeweiligen Künstlerpersönlichkeit versehen, tre- ten die früh Verstorbenen in Erschei- nung und verweisen gleichermaßen auf ihr Werk und ihr Schicksal. Sie rufen sich als kleinformatiges Eben- bild, als Puppe in Erinnerung und sind bei ihrem Gang ins Museum zudem fotografisch präsent.


Für die Frage „Was bleibt?“ sind auch wir als Institution Museum ge- fordert. Nur ein Museum, das auch jungen, noch unbekannten Künst- ler*innen einen Raum und damit eine Öffentlichkeit bietet, ermöglicht die künstlerische und gesellschaft- liche Vielfalt, die wir in den Städten so dringend bauchen, und verhilft dem Kunstmarkt zu einem gesunden Wachstum. Die Installation von Men- no Veldhuis und Simone Westphal ist in der Betrachtung der Frühverstor- benen ein Apell, den Künstler*innen premortem Einlass in die Kunstwelt zu gewähren, ein Apell, über den wir auch als Museumsbesucher*innen nachdenken sollten.


Dr. Jutta Götzmann

Direktorin Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte