Stephan Dill (Berlin) & Christoph Brandl (Berlin/Potsdam)
ERÖFFNUNG: 30.10.2021, ab 19h
Dauer: 31.10. — 27.11.2021


In der Ausstellung "Ich sehe was, was Du nicht siehst ..." geht es um genau diese Frage: Was sehen wir und wie können wir entscheiden, ob das, was wir sehen, real ist? An der Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Offensichtlichem und Verborgenem bringen die beiden Künstler ihre Annäherung an diesen Grundgedanken zum Ausdruck.

Stephan Dills Arbeiten beginnen als Beobachtungen - der Künstler betrachtet die Lichtverhältnisse im Raum, die Farbflecken auf dem Atelierboden, an den Wänden dazwischen und die Schatten neben den noch sauberen Leinwänden. Er sieht den Prozess des Malens als eine spielerische Art und Weise, bei der er die Spielregeln hinterfragen und herausfordern kann und versucht, sie mit seinen eigenen neuen Ideen zu kombinieren. Er wandert durch den Raum im Bild, folgt den Wegen der Farben und der Oberfläche, baut Strukturen auf und experimentiert mit der Wiedererkennbarkeit von Formen. Beim Malen geht es ihm um das Sehen und die Verbindung mit der Inspiration.

Dill interessiert sich für das drängende Problem der Malerei: Kann der Auftrag von Farbe etwas darstellen und gleichzeitig selbst sein? ''Ich denke, meine Malerei ist Farbe und repräsentiert Farbe. Ich entwickle auf meinen Leinwänden Motive, die nicht nur auf den medienimmanenten Gegensätzen von Figuration und Abstraktion beruhen. Es geht mir um die Schnittstellen zwischen den beiden. Die Balance zwischen Zeigen und Weglassen ist das, was mich beschäftigt'', sagt der Künstler.

In seinen letzten Arbeiten verwendet Dill auch irisierende Ölfarben, d. h. Farben, die je nach Lichteinfall ihren Farbton ändern. Je nachdem, wo der Betrachter das Bild im Raum sieht, verändert sich die Farbe und damit der Charakter, die Lichter, die Tiefen und die Schatten. Er setzt diesen Effekt sehr sparsam und gezielt ein und erzeugt damit eine spannende Verflechtung von Bild, Abbild und Spiegelung.

In seiner Serie 'Liquid Thoughts' entfalten Dills Bilder ihre Kraft, indem sie zu zeitlich verflüssigten Wahrnehmungs- und Gedankenräumen werden. Die Werke stehen nie ganz vor unseren Augen, sondern tauchen erst nach und nach auf: Wir müssen, wie der Maler, Zeit investieren. Unsere Augen sind ständig auf der Suche zwischen kurzen Fixierungen. Sie fixieren unsere Aufmerksamkeit auf Pinselstriche, Farbtropfen, Rückstände, Oberflächen und sammeln allmählich Sinnesdaten, um ein Bild zu formen - ein Bild aus Leerstellen, blinden Flecken und Ausbrüchen, aus Clustern, die aufbrechen und sich im Raum ausbreiten, aus stagnierenden Rändern von kräftigen Pinselstrichen und Auswaschungen.

Christoph Brandls neue Fotoserie 2021 "There is something at once familiar?" wurde in einem nahe gelegenen Wald am Tag der Beendigung des Corona Lockdown in Berlin aufgenommen. Er fotografierte mit einer 40 Jahre alten Leica-Kamera und verwendete einen Film, der in den 70er Jahren abgelaufen war. Offenbar war so wenig belichtetes Material auf den Negativen, dass das Labor den Film ohne Entwicklung eines Bildes zurückschickte. Sie fügten einen Vermerk bei, in dem sie sich für den offensichtlichen Verlust entschuldigten.

Nachdem der Fotograf die Negative mühsam selbst gescannt hatte, weil das Gerät zunächst überhaupt keine Bildinformationen lesen konnte, entdeckte er, dass der Film tatsächlich einige belichtete Abschnitte aufwies. Einige Abschnitte wiesen Texturen, Farben, Linien und sogar leuchtend grüne Highlights auf. Nach einiger Arbeit brachte er schließlich diese Bilder heraus: Teile eines Maisfeldes mitten im Wald, abgeschnitten von einem Polizeiband, wie an einem Tatort. Das letzte Bild endet abrupt, es fehlt ein großer Teil, und dann kommt ein weiteres, um die Integrität dessen, was zu sehen ist, zu verwischen.

Stephan Dill studierte Malerei bei Prof. Valerie Favre an der Universität der Künste in Berlin, und schloss das Studium als Meisterschüler ab. In der Folge wurden seine Arbeiten in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt. Von 2017 bis 2020 unterrichtet Stephan Dill Malerei an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seine Malerei ist in verschiedenen Sammlungen im In- und Ausland vertreten.

Christoph Brandl
arbeitet als künstlerischer Fotograf an der Grenze zu Malerei und Grafikdesign. Er studierte ‘Visual Arts’ an der New York University und schloss mit einem Bachelor of Fine Arts ab. Er widmet sich schon länger der analogen Fotografie, mit abgelaufenen Filmen und Mittelformatkameras. In einem Projekt, das ihn mehrere Jahre beschäftigte, verknüpfte er Bilder von Vulkanen mit ihren mythologischen Geschichten. Die Themen seiner Serien verbindet er oft mit ungewöhnlichen Materialien, die er als Bildträger verwendet: Bilder des Kilimanjaros ließ er auf altes japanisches, handgefertigtes Kozo-Papier drucken, den indonesischen Vulkan Tangkuban Parahu laserte er auf italienischen Carrara Marmor. Ein experimentelles Projekt, das Steinkunde mit künstlerischen Mitteln erforschte, hatte er für die anschließende Präsentation im Freien auf Planen gedruckt. Als erster Deutscher gewann er 2015 den renommierten Preis: ‘Kenias Fotograf des Jahres’.

Kuratiert von Sandra Schindler und Vanessa Souli.


Schindler LAB

Bäckerstraße 3, 14467

Potsdam