Berit Mücke W E I H E R   6. Oktober bis 26. November 2022

 

Diese Bilder, auf denen wir Gesichter und Gesichte, Natur, Tiere, figürliche Szenen, Märchenhaftes und Traumfiguren meinen ausmachen zu können, wollen nichts zeigen. Diese Malerei will wirken. Möglichst seelenerweiternd.

 

Eine Werkreihe der Künstlerin trägt den Titel „Bruchbilder“. Was als Bruch wahrgenommen werden kann, ist „Ausdruck einer inneren Umwälzung und eines gleichzeitigen Leuchtens ins Dunkel, … ohne Rückversicherung“, wie die Künstlerin betont. Die zuweilen aufgerauht reliefierten Bildoberflächen sind insofern nicht nur dem malstofflichen Interesse der Künstlerin geschuldet, sie sind auch die Konsequenz eines existentiellen Antwortens auf die notwendigen Zumutungen.

Berit Mücke geht das Wagnis ein, „sich selbst in die Materialität zu werfen“, sich selbst „ins Feuer zu tun als Bestandteil des Werkprozesses, um das, was tatsächlich wichtig ist, herauszuarbeiten und zu verwandeln“.

 

In der Welt der gefakten Internetprofile gehen auch die Zuschauer bald verloren. In den Porträts von Berit Mücke haben wir nonvirtuelle Profile vor Augen, die stark sind, weil sie psychische Widerstandsfähigkeit oder zumindest innere Stärke ausstrahlen. Sie vermitteln eine positive Selbstannahme und wirken in ihrer Grundhaltung auf edle Art gelassen.

Der Mut zur Selbstbejahung wird freilich zuweilen gedämpft von einer Melancholie, die herrührt aus Erfahrungen in dunklen Gebieten. So liegt über einigen Bildern ein Schleier, der sie auf sanfte Weise dramatisiert.

Das Besondere dieser lyrischen Malweise erfüllt sich in jenen Porträts (z.B. „Valentina“, „B. Faith oder ihrem hoffnungsblauen Christus-Bildnis), in denen sich Innensicht und Sinnlichkeit verschwistern.

 

Berit Mückes Blick auf Natur und Landschaft reibt sich an den verheerenden Auswirkungen des Anthropozäns, gibt aber die Projektionen auf die Idylle (z.B. „Der Weiher“) nicht auf. Gerade im Bezug auf die bukolische Dichtung und die Darstellung idyllischer Landschaften seit der Antike stellt Mückes bewusst sanftes Bekenntnis zur Innerlichkeit heutzutage eine überaus eigensinnige Chiffre dar. Innerlichkeit als das „Gesammeltsein in sich“ manifestiert sich sehnsuchtsvoll in den Werken „Goldmarie“, „Junger Ahn“ und „Paris“, die das als fragil erkannte menschliche Wesen in Zeiten allgemeiner Ressourcenlimitierung wie in einer letzten Blühphase romantisch besingen. Berit Mücke transportiert utopische Gehalte in ihren Bildern, deren Sprache verwunschen klingen mag, weil deren poetischer Schwerpunkt eben abseits jeglicher weltlicher Rohheit ruht.  

 

Voller Emotionalität entfacht die Malerin Winterlichter, deren Flammen uns in „Solaris‘“ Dunkel schleudern.

Berit Mücke ist eine Kundschafterin des Herzens. Sie bietet uns ihr Augenvermächtnis an, sanft und uferlos, nur durch Keilrahmen geschützt.

 

Text Christoph Tannert