NATURAL STRANGERS

Die Galerie Schindler zeigt eine duale Ausstellung der beiden Künstlerinnen, Tanja Selzer und Florentine Joop. Zwei Malerinnen, die sich in ihrer Arbeit vornehmlich der Darstellung von Menschen in und mit Natur widmen. Natural Strangers als Annährung gemeint dem Unbekanntem, obwohl doch in uns und um uns herum, erschreckt es vielleicht, ist es fremd oder wild, aber auch dem scheinbar hinlänglich Bekanntem – doch je näher man es betrachtet, desto fremder wird es- und es scheint fast, als sähe man es zum ersten Mal. Jede der beiden Künstlerinnen hat eine eigene Art sich diesem Thema zu nähren.

Gesichter faszinieren Florentine Joop seit jeher, und sie versucht immer wieder die Distanz zwischen Bild und Betrachter*in zu überwinden, versucht einen intimen Moment zu schaffen, indem der Betrachter sich einbezogen fühlt. Berührt. Angesehen. Einen Moment der Ruhe und des Austausches mit den bekannten und doch so fremden Wesen- seien es Menschen oder Tiere. Mensch, Tier und Natur im (an)gespannten und entspanntem Austausch. Hintergründig, doch merklich begleitet werden die Arbeiten von alten Märchenbildern, denn die grimmschen Märchen sind neben der Luther-Bibel das bekannteste und weltweit am meisten verbreitete Buch der deutschen Kulturgeschichte. Sie sind zugleich die erste systematische Zusammenfassung und wissenschaftliche Dokumentation der europäischen und orientalischen Märchentradition und sind eine der wichtigsten Inspirationsquellen der Künstlerin. Menschen tragen Tiere, doch wer wen bedroht, beschützt oder wer der Predator und wer Mesoprädator ist, bleibt unklar. Die feinen Zeichnungen sind die Basis der Werke, der Bleistift ist und bleibt das wichtigste Werkzeug, sagt die Künstlerin. Sanfte, fließende Aquarellfarben komponiert mit grafischen Elementen, das Zusammenspiel von Malerei und Zeichnung ist im Laufe der Jahre Florentine Joops eigener Stil geworden. Die gebürtige Hamburgerin lebt und arbeitet seit 2016 in Potsdam und stellt und stellte solo und mit anderen Künstler*innen Deutschlandweit aus.

Tanja Selzers malerische Arbeit manifestiert flüchtige Begegnungen, sinnliche Momente, intimen Austausch in impressionistischen Farben und mit lockerem Duktus auf großformatige Leinwände. Was als Begegnung so ungreifbar und nur eine Momentaufnahme sein kann, versucht Tanja Selzer das Empfundene zu fassen. Sinnlich sexuell, doch fast unschuldig spielerisch, sieht man Figuren, Körper und Landschaft miteinander verschmelzen. Lichterhelle Farben, gekonnt übertragene Szenen aus moderner expliziter Bilder- und Filmwelt entliehen, strahlen ihre Malereien Energie und Lebenslust aus. Sie füllt die entkernte Darstellung heutiger Sexualität wieder mit Erotik und sexueller Wesenshaftigkeit an. „Über Sexualität und Sensualität zu schreiben“, so schrieb einst Anaïs Nin, „hat nichts mit Pornographie zu tun. Erotika schreiben ist für mich wilde Poesie.“ Das gleiche gilt für Tanja Selzers Malerei. So wird sie inspiriert durch ein weiters klassisches Sujet, der erotischen Darstellung des menschlichen Körpers.

Alles Negative scheint fern, wie an einem sonnigen Tag am Meer, kann man das Rauschen des Windes förmlich hören. Malerische Poesie. Man fühlt sich als Eingeladener, denn als Voyeur. Tanja Selzers Arbeiten werden international ausgestellt und sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin und ist Mitglied des MalerinnenNetzWerks Berlin-Leipzig und im Saloon Berlin.



Natural Strangers

Der natürliche Feind ist ein stehender Begriff. Doch wollen wir uns als Teil der Natur begreifen. Sind wir Freund oder Feind in unserem natürlichen Kosmos? Wie kann man sich dem Fremden nähern, sich als Ganzes fühlen? Natürliche Fremde sind wir miteinander, einander versprochen, sexuell angezogen, abhängig voneinander, meinen die Dinge erfasst zu haben, hinlänglich und doch bleib ein Rest Fremdheit. Die Natur in uns ist ein unbegreifliches Wesen. Die Natur die uns umgibt umso mehr. Biblisch wollte sich der Mensch aus der Natur hervorheben, sich befreien und ganz mit dem Geist werden. Das „Unten“ musste verdrängt werden, um sich als Mensch vom Tier zu unterscheiden. Der natürliche Feind des Menschen ist die Natur selbst. Um kreativ arbeiten zu können, muss man sich dem Geist nach oben und nach unten öffnen, denn nur dann kann die Energie fließen, die es braucht, um den Zustand von „nicht existent“ in „Dasein“ zu verwandeln. Die Frau scheint naturgemäß weniger von der Angst vor dem „Fremden“ in sich und um sie herum getrieben- eher von Neugier.

Die traditionellen Märchen der Gebrüder Grimm erzählen jungen Frauen – zum Beispiel in dem weltberühmten Märchen „Rotkäppchen“ – von diesem „Fremden“ und wie sie sich mit und in „ihm“ durch die Welt bewegen können ohne „verschlungen“ oder isoliert zu werden. Die Balance zu finden zwischen gesunder Scheu und hingebendem Vertrauen, sich auf die innenwohnende Kraft zu verlassen und Herzen und Verstand in Einklang zu bringen und zu vertrauen.

Die Sexualität, als eine der ursprünglichsten und notwendigen natürlichen Bedürfnisse, wie Essen, Trinken und Schlaf, wird trotzdem am meisten und fast überall auf der Erde von gesellschaftlichen, politischen und religiösen Einschränkungen dominiert. Sich dieser Urkraft zu bemächtigen und den rechtlichen Anspruch aufs Narrativ der eigenen sexuellen Selbstbestimmung zu eigen zu machen ist der moderne Kreuzzug, denn er führt ins Innere und in die eigne Gefühlswelt, die vielen scheinbar genauso fremd ist, wie einst das gelobte Land.

Beginnend mit dem Neu-Sehen und Betrachten von scheinbar so Bekanntem und Erforschtem, fehlt nach wie vor und dringend der „weibliche Blick“, sei es in Politik, Wissenschaft, Kunst und Religion. Begreifen sich Frauen als nicht gesehen, weil ihr Blick auf die Welt selten auf Augenhöhe betrachtet wird.

Natural Strangers sind wir alle, denn jeder ist fremd. Umso wichtiger ist es, sich einzulassen, den Blick wagen, angstfreies Betrachten, in sich aufnehmen und die Wirkung spüren. Veränderungen als Chance auf Wachstum zu begreifen.

Kunst kann einen gefahrlosen Blick gewähren, einen Moment der Betrachtung, der schon durch die Augen des Künstlers gesehenen wurden, verkraftet, umgestaltet und nun kann man hindurch gelotst werden. Das Begreifen und Verarbeiten, einen Augenblick schaffen, einen Kontakt mit dem vorher Fremden. Wir nehmen Teil an der Entscheidung des Künstlers, sich dem einen zu widmen und anderes wegzulassen. Und trotzdem bleibt es ein Dialog, denn ein Diktat.

Autor: Florentine Joop





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